Praxisteil 3 – Den Limerick vollenden

Guten Morgen! Gut geschlafen? Na, dann machen wir mal weiter. (Ja, ja, ich weiß, du hast gleich weitergelesen, aber ich tu einfach so, als hätte ich es nicht gemerkt.)

Lesen wir uns unser Werk von gestern durch:

Es war eine Putzfrau aus Hagen,
die fuhr einen protzigen Wagen.
Da kackte ‘ne Taube
der Frau auf die Haube.
Die keifte: „Ich werd’ dich verklagen!“

Oft fallen mir mit etwas Abstand Dinge auf, die ich einen Tag vorher noch nicht wahrgenommen habe. Gibt es noch Stellen, die vielleicht nicht ganz so rund sind? Gibt es logische Fehler? Versteht man, dass es um die Motorhaube geht und nicht um eine Haube, die die Frau auf dem Kopf trägt? Könnte man noch eine andere Figur nehmen als eine Putzfrau?

Ist der Gag verständlich, dass die Putzfrau aufgrund ihres Berufes so pingelig ist? So richtig deutlich wird das nicht. Wenn man einen Beruf nennt, sollte er im Gegensatz zum Ortsnamen auch eine Bedeutung für die Geschichte haben. Eine Anwältin passt nicht ins Versmaß. Wir könnten statt der Putzfrau auch wieder die Dame einsetzen. Wir könnten natürlich auch aus dem protzigen Wagen einen putzigen Wagen machen. Doch ich gebe zu, so richtig stark ist dieses Wortspiel nicht. Aber vielleicht können wir auch deutlich machen, dass dieser Wagen sehr gepflegt ist und das Adjektiv „protzig“ durch etwas anderes ersetzen oder auch die ganze Zeile umformulieren.

Es war eine Putzfrau aus Hagen,
die polierte ganz stolz ihren Wagen.

Die zweite Zeile beginnt mit zwei unbetonten Silben, also einer mehr als in der ersten. Das ist nicht verboten und passt in die Limerick-Tabelle, aber eleganter wäre es z.B. so:

Eine eifrige Putzfrau aus Hagen,
die polierte ganz stolz ihren Wagen.
Da kackte ‘ne Taube
der Frau auf die Haube.
Die keifte: „Ich werd’ dich verklagen!“

Mit einem Tag Abstand fällt mir auf, dass das Bild einer keifenden Putzfrau klischeehaft und wenig witzig ist. Ich mag es plötzlich nicht mehr. Und auf einmal meldet sich auch noch die Stimme meines inneren Zensors, der soeben seinen Dienst antritt, nachdem er sich einen Kaffee geholt hat: „Warum muss es wieder mal eine Frau sein, die putzt? Das ist doch so was von 1980! Und außerdem sagt man nicht mehr ‚Putzfrau‘, sondern ‚Reinigungskraft‘!“

Ihr merkt, der innere Zensor sitzt in brüderlicher Eintracht mit dem inneren Frauenbeauftragten mit am Schreibtisch und nörgelt über unsere tolle Arbeit von gestern! Aber das ist in dieser Phase völlig in Ordnung. Wir müssen das Gedicht ja nicht gleich wegwerfen, wenn es uns nicht mehr überzeugt, sondern probieren noch ein wenig herum, ob wir noch andere Bilder finden.

Der Widerspruch Putzfrau/Protzauto ist nicht das Thema des Limericks, sondern der Ärger über den Taubenkot auf dem teuren Lack. Daher würde ich mich jetzt doch für eine Person entscheiden, die mehr zu einem teuren Auto passt:

Es war mal ein Banker aus Hagen,
der fuhr einen protzigen Wagen.
Da kam eine Taube
und schiss auf die Haube.
Und er so: „Ich werd’ dich verklagen!“

Es ist Geschmacksache, ob man den umgangssprachlichen Stil der letzten Zeile mag. Dadurch, dass der Banker männlich ist, gibt es allerdings kein Missverständnis, wer da am Ende spricht und auch eine Haube auf dem Kopf sieht man bei Bankern eher selten, weshalb es hier eindeutig um die Motorhaube geht.

Hier meldet sich mal wieder mein innerer Frauenbeauftragter: „Typisch, der Mann reagiert cool und sachlich und ist Banker, während deine Putzfrau eine hysterische Zicke war!“

Du merkst, einen Limerick zu schreiben, der das gesamte innere Personal zufrieden stellt, kann eine nervenzehrende Angelegenheit sein! Eine Bankerin passt leider nicht ohne Weiteres ins Metrum. Ich habe meinen inneren Frauenbeauftragten damit beruhigt, dass mein nächster Limerick von einem Putzmann handelt, der das Auto einer Bankerin reinigt und wenn er jetzt noch weiter meckert, werde ich ihm drohen, auch ihn durch eine Frau zu ersetzen.

Natürlich ist Political Correctness das Letzte, wofür Limericks berüchtigt wären. Es hängt immer davon ab, für welche Zielgruppe du deine Limericks schreibst. Ein zotiger Limerick kann in einer bierseeligen Runde Spaß machen, beim Kaffeekranz der Schwiegereltern oder in einer Kolumne der Tageszeitung könnte er evtl. ungewollte Reaktionen hervorrufen.

Verboten ist ohnehin fast nichts, denn es gilt die Freiheit der Kunst. Was du mit dieser Freiheit anstellst, bleibt dir überlassen. Man sollte sich natürlich fragen, ob Klischees aus dem letzten Jahrhundert heute noch witzig sind. Klär das mit deinen inneren Zensoren am besten erst in der Schlussphase und lass deine Ideen ungebremst fließen!

Ich habe mir noch eine Variante zu unserer gestrigen Version überlegt:

Ein rüstiger Rentner aus Hagen
polierte ganz stolz seinen Wagen.
Da kam eine Taube
und schiss auf die Haube.
Drauf schrie er: „Ich werd’ Sie verklagen!“

Ein Limerick ist meist besser, wenn er klare Bilder liefert. Einen Rentner, der stolz seinen Wagen poliert, kann man sich gut vorstellen. Ein Banker, der einen protzigen Wagen fährt, ist weniger eindeutig. Fährt er allgemein einen solchen Wagen oder sitzt er gerade darin und fährt aktiv? Wenn der Satz allgemein gemeint ist, dann entsteht keine klare Situation. Der Wagen könnte dann auch in der Garage oder auf einem Parkplatz stehen, wir wissen nichts darüber. Wenn der Banker aber gerade am Steuer sitzt und fährt, dürfte es schwierig für die Taube werden, ihr Geschäft darauf zu verrichten. Es sei denn, er steht z.B. an der Ampel, aber davon ist im Text nicht die Rede. Das Bild mit dem Rentner funktioniert besser, da eine Filmszene im Kopf entsteht: Wir sehen ihn vor uns, wie er seine geliebte Kutsche auf Hochglanz bringt.

Mein innerer Zensor räuspert sich gerade und hält die gelbe „Klischee“-Karte hoch. Ich erkläre ihm, dass dieser Rentner zwar klischeehaft ist, aber seine Spießigkeit durch das Siezen der Taube so überzeichnet wird, dass die Pointe sehr gut funktioniert. Klischees sind nichts pauschal Schlechtes. Im Gegenteil, sie helfen uns, Bilder im Kopf entstehen zu lassen, denn für längere Umschreibungen haben wir im Limerick keinen Platz. Ein Klischee ist wie ein Modul mit einem fertigen Bild, das wenig Raum im Limerick einnimmt. Die Kunst ist, dem Klischee noch etwas hinzuzufügen, das man nicht erwartet, oder es auf den Kopf zu drehen. In diesem Fall habe ich nur das „dich“ durch ein „Sie“ ausgetauscht und schon bekommen die Marotten des Rentners und damit die Absurdität der Geschichte genügend Futter.

Einen kleinen Wermutstropfen gibt es jedoch, auf den mich mein innerer Podcast-Regisseur aufmerksam macht: Das „Sie“ könnte beim Vortrag auch als dritte Person Singular verstanden werden, also „Ich werd’ sie (die Taube) verklagen“. Der Rentner würde dann nicht die Taube anschreien, sondern zu sich selbst sprechen und die Pointe verlöre an Schlagkraft. Wenn man Limericks für den Vortrag schreibt, z.B. für den Limerix-Podcast, dann muss man auch solche Dinge beachten. Ich gehe aber davon aus, dass der Satz richtig verstanden wird, denn so gestelzt würde man nicht sprechen, wenn man der Welt wütend mitteilt, eine freche Taube verklagen zu wollen. Er würde wohl eher so etwas sagen wie: „Die verklag‘ ich!“ oder „Ich verklage das Mistvieh!“

Tipp
Lies im Zweifelsfall deinen Limerick einer anderen Person vor und prüfe, ob er richtig verstanden wird.

In der ersten Zeile haben wir mit dem „rüstigen Rentner“ einen sogenannten Stabreim, auch Alliteration genannt. Das bedeutet, dass die Wörter mit den gleichen Anfangsbuchstaben beginnen, das gibt der Zeile beim Vortrag eine besondere Note. Auch solche Details können einen Limerick aufwerten. Auf der anderen Seite ist die Phrase „rüstiger Rentner“ schon ein ziemlich abgetragener Hut. Man könnte noch überlegen, dieses Adjektiv durch etwas Originelleres auszutauschen, z.B. „rundlicher Rentner“. Da das Wort „rundlich“ aber für die Geschichte keinerlei Rolle spielt, entscheide ich mich dagegen. Generell solltest du deinen Limerick auch immer laut lesen und prüfen, ob er dir gut über die Lippen geht und auch beim Vortrag seine Wirkung erzielt. In einem Gedicht zählt jedes Wort. Wenn irgendetwas noch nicht stimmig ist, probiere aus, ob du noch hier und da etwas verbessern kannst.

Ich würde es an dieser Stelle so belassen und entscheide mich für die letzte Version. Für eine Stadt wie Hagen reicht’s allemal. 😉 Vielleicht hast du ja noch bessere Ideen, ich würde mich für dich freuen!

Im letzten Teil habe ich noch ein paar Schlussgedanken und es gibt eine Checkliste für deinen Limerick.

Praxisteil 4 – Schlussgedanken und Checkliste »

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3 Kommentare zu „Praxisteil 3 – Den Limerick vollenden“

  1. Da schwamm eine Schlange im Nil,
    Der der Nil leider nicht mehr gefiel.
    Die fand einen Fahrschein
    checkt rasch bei der Bahn ein.
    Viel schöner ist’s nämlich in Kiel.

    Huhu Urmel,
    Hab die Anleitung genossen. Super Arbeit!
    Lieben Gruß aus dem Kkh von…

  2. Es schlängelt ne Schlange in Kiel,
    Wo’s ihr zunehmend besser gefiel.
    Sie traf eine Viper,
    Da möchte sie’s noch lieper.
    Nun schlängeln die beiden am Priel.

    Couldn’t resiste…

    1. Weiß ja nicht, ob’s vielleicht die Autokorrektur verdreht hat, aber es müsste für ein sauberes Metrum heißen: „Da mocht‘ sie’s noch lieper“.

      Ansonsten, gerne immer einreichen über das Formular unter „Mitmachen“!

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